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Teuer, schlecht, unsozial: Nein zu Managed Care am 17. Juni

Submitted by webmaster on Tuesday, 1 May 2012No Comment

 

Auf den ersten Blick scheinen die «Integrierten Versorgungsnetze» nach dem US-amerikanischen Systems des Managed Care, über die am 17. Juni abgestimmt wird, interessant für die PatientInnen. Sie können zu einer Informationsverbesserung und zu Vereinfachungen führen.

Sparzwang

Entscheidend ist aber, dass Netzwerke, die mit den Versicherern (Krankenkassen usw.) einen Vertrag schliessen, die Budgetverantwortung übernehmen. Das Versorgungsnetz wird nicht mehr ausgeben, als es von der Krankenkasse erhält. Das begünstigt Risikoselektion und verdeckte Rationierung und setzt Anreize, nur noch die billigsten Untersuchungen und Therapien anzuordnen und den Patienten vermeintlich teure Verfahren vorzuenthalten. PatientInnen haben nicht mehr Anrecht auf eine optimale Behandlung, sondern lediglich auf die kostengünstigste.

Den Krankenkassen kommt dabei die Rolle zu, den Sparzwang auf dem Buckel der PatientInnen gegen den Widerstand sowohl vieler ÄrztInnen wie der Bevölkerungsmehrheit durchzusetzen.

Warum sollten PatientInnen einem schlechten System beitreten?

Um uns in Managed Care hineinzuzwingen hat das Parlament beschlossen, dass Behandlungen ausserhalb des Netzes teurer werden. Der Selbstbehalt wird von 10% auf 15% erhöht und zwar bis zu einem Jahresbetrag von 1000 Franken (bisher 700). Diese Prämienstrafe erfolgt zusätzlich zu den Krankenkassenprämien und zur Franchise.

Der Bundesrat geht davon aus, dass nach einer gewissen Zeit etwa 2/3 der Bevölkerung einem Versorgungsnetz beigetreten sein werden.

Medizin wird teurer

Die Krankenkassenprä-mien werden für Versicherte ausserhalb eines Versorgungsnetzes (heute eine grosse Mehrheit) stark erhöht, nachdem sie in den letzten 10 Jahren bereits um mehr als 60% gestiegen sind. Bereits heute müssen sie in der Schweiz 30,5% der Gesundheitsausgaben direkt berappen – was international ein Rekord darstellt.

Gefangen im Versorgungsnetz

Durch Beitritt zum Managed-Care-Netz geht die freie Arztwahl verloren. Nur noch Wohlhabende können sich diese leisten. Ein Austritt aus dem Versorgungsnetz, zum Beispiel bei plötzlicher Verschlechterung des Gesundheitszustandes, wird erst nach einer Frist, die bis zu drei Jahren dauern kann, möglich. Das neue Gesetz sieht dafür eine hohe Austrittsgebühr vor.

Verschlechterungen auch für das Gesundheitspersonal

Das Gesundheitspersonal beklagt heute die fehlenden Kapazitäten und den Stress als Folge der Sparmassnahmen im Gesundheitswesen. Als Antwort darauf ist es vor allem in der Romandie zu verschiedenen Kampfaktionen des Personals gekommen. Wenn die KVG-Revision durchkommt, wird der Druck auf die über 400‘000 Beschäftigten im Gesundheitsbereich nochmals steigen. Dies insbesondere in den Institutionen, die dem Managed Care unterstellt werden. Um die Budgets einzuhalten, die von den Krankenkassen diktiert werden, müssten die Ausgaben für das bereits überlastete Personal nochmals gekürzt werden.

Weshalb Managed Care?

Beim Krankenversicherungsgesetz (KVG), das 1996 unter Bundesrätin Ruth Dreifuss (SP) eingeführt wurde, geht es darum, die Voraussetzungen für eine Kostensenkung zu Lasten der Versicherten zu schaffen. Dabei ist den Ärzten in ihrer Rolle als Leistungsverordner des Gesundheitssystems eine wichtige Funktion zugedacht. Bislang haben sich die Ärzte und ihr Verband, die FMH, diesem Projekt erfolgreich widersetzt. Die Rechte weiss nur zu gut, dass eine Volksabstimmung auf diesem Gebiet kaum zu gewinnen ist. Managed Care ist ein Manöver, um diese Schwierigkeiten zu umgehen.

Es ist auch kein Zufall, dass die bürgerliche Mehrheit einen willigen Sozialdemokraten, Alain Berset, als Gesundheitsminister und Vollstrecker von Managed Care eingesetzt hat. Die SP unterstützt nun die Nein-Parole.

Zwei Medizinsysteme

Der «neoliberale» Abbau beim öffentlichen Gesundheitssystems geht einher mit einer noch nie dagewesenen Verbesserung der Gesundheitsversorgung für die Bourgeoisie – auf Kosten der Lohnabhängigen. Das Gesundheitswesen wird aufgespalten in eine Top-Medizin für Reiche im Bereich von privaten Zusatzversicherungen (mit teuren, von den Steuerzahlern subventionierten  Privatkliniken, Überversorgung von reichen Gegenden mit ÄrztInnen usw.) und eine Medizin für die ärmere Bevölkerungsmehrheit, die sich keine gute medizinische Versorgung mehr leisten kann und in einem Managed-Care-Ghetto gedrängt wird.

Kapitalismus macht krank

Gesundheit und Krankheit haben gesellschaftliche Ursachen. Es gibt einen «Kausalzusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheitszustand» (Bundesamt für Statistik). Reiche sind gesünder und leben länger als Arme. Stress am Arbeitsplatz ist eine Hauptursache für lebensgefährliche Herz- und Kreislaufserkrankungen. Und weltweit haben 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zur grundlegenden medizinischen Versorgung. Denn diese bleibt nur einer kaufkräftigen Schicht vorbehalten.

Die radikale Veränderung der herrschenden ökonomischen, ökologischen und sozialen Verhältnisse ist das erste Gebot einer fortschrittlichen Gesundheitspolitik.

Quellen: Arbeit und Gesundheit (BfS, 2007); Die Bresche Nr. 10, 12, 16 (2011-2012); Gesundheit: Ein Mordsgeschäft (RSB, 2002); Argumentarium Komitee «Nein zur Managed-Care-Vorlage»; Publikationen der Gewerkschaft VPOD / SSP; www.alencontre.org

 

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